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Nietzsche und die Schreibmaschine


Eine verfängliche, doch recht amüsante Zusammentragung einiger Brieffragmente, die die Auseinandersetzung Nietzsches mit der einst modernen Technik, die Schreibmaschine, darstellt.

Am 17. Februar schickt Nietzsche seinen ersten auf der Schreibmaschine geschriebenen Text an Heinrich Köselitz. Es folgen noch fünfzehn Briefe, einen weiteren Text und eine nicht abgeschickte Postkarte. Am 24. März ist bereits Schluß mit dem Schreibmaschine-Intermezzo. Zwar gibt es noch die sogenannte auf der Schreibmaschine verfaßten "500 Aufschriften", die Zahl "500" bezieht sich allerdings eher auf die Anzahl der Buchstaben als auf die tatsächliche Anzahl der Aufschriften.


zitiert wurde nach: Friedrich Nietzsche. Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe. Hrsg.: Gorgio Colli und Mazzino Montinari. München 1986.



Die Anschaffung einer Schreibmaschine geht mir im Kopf herum, ich bin in Verbindung mit ihrem Erfinder, einem Dänen aus Kopenhagen.

Nietzsche an Heinrich Köselitz
Sils-Maria, 14. August 1881. Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe Band 6. S. 113.

Ich habe mit dem Erfinder der Schreibmaschine Hr. Malling-Hansen in Kopenhagen, Briefe gewechselt - ein solches Instrument, bei dem die Augen nach einer Woche Übung gar nicht mehr thätig zu sein brauchen, wäre unschätzbar für mich, aber er ist nichts für mich "Armen-Mann" - mit Kasten und "zur Versendung bereit verpackt", also noch ohne Transport kostet es 375 R.Mark. Es wiegt 6 Pfund und ist 8 Zoll lang. Eine Schriftprobe lege ich bei.

Nietzsche an Franz Oberbeck
Sils-Maria, 20/21. August 1881. Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe Band 6. S. 117.

Herr Malling-Hansen in Kopenhagen, der Erfinder der berühmten Schreibmaschine, hat mir jetzt zweimal geschrieben - aber es ist eine Sache für reiche Leute. Mit Transport wird es mindestens frs. 500 kosten. Die Maschine ist 8 Zoll lang, 6 Pfund schwer und befindet sich in einem Mahagonikasten. Der genaue Preis für Maschine Kasten und "zur Versendung verpackt" (also noch ohne Transport) ist R.M. 375. - Ich friere so: Strümpfe! Strümpfe!

Nietzsche an Elisabeth Nietzsche
Sils-Maria, 21. August 1881. Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe Band 6. S. 120.

Das war ein Wort zur rechten Zeit meine liebe Lisbeth! ja, die Schreibmaschine ist mir unentbehrlich (sonderbar! ich hatte sie aus den Gedanken verloren und doch leide ich so an den Augen! sie sind bei jedem Anfall sehr betheiligt!) Also: ich will die Maschine kaufen - vorausgesetzt, daß Freund Rée sie mir mitbringt (daß sie nicht geschickt werden muß!) Auch möchte ich nicht gerade das Exemplar haben, auf dem Jedermann gespielt hat. In der zweiten Hälfte Dezember schicke ich das noch nöthige Geld an Dich - wie viel? - daß Du über 200 M. für mich vom Oktober an verfügen könntest, schriebst Du mir.

Nietzsche an Elisabeth Nietzsche.
Genua, 4. Dezember 1881. Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe Band 6. S. 144f.

Meine liebe Schwester, ich kenne die Hansen'sche Maschine recht gut. Hr. Hansen hat mir zweimal geschrieben und Proben, Abbildungen und Urtheile Kopenhagener Professoren über dieselbe geschickt. Also diese will ich (nicht die amerikanische, die zu schwer ist.)

Nietzsche an Elisabeth Nietzsche
Genua, 5. Dezember 1881. Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe Band 6. S. 146.

Die Schreibmaschine ist eine Nothwendigkeit geworden, ich habe den Auftrag dafür gegeben, meine Schwester war deshalb in Lepzig und hat dort eine solche arbeiten sehn.

Nietzsche an Franz Oberbeck
Genua, 6. Dezember 1881. Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe Band 6. S. 147.

Nach der Schreibmaschine wäre eine Vorlesemaschine eine sehr schöne Erfindung. Jeder Vorlese-Mensch ist eine Störung für ein denkendes und sensibles Thier, wie ich bin.

Nietzsche an Frannziska & Elisabeth Nietzsche
Genua, 21. Dezember 1881. Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe Band 6. S. 151.

Ja, wie soll ich Dir nur gleich antworten, meine geliebte Schwester? Ich bin nämlich mit Deiner Schreibmaschinen-Schenkung noch nicht bei mir im Reinen; wenn ich Dich wiedersehe, werde ich Einiges zu sagen haben, was ich nicht zu schreiben wüßte.-

Nietzsche an Elisabeth Nietzsche
Genua, 30. Januar 1881. Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe Band 6. S. 163.

Die Schreibmaschine (eine Sache von 500 frs.) ist hier, aber - mit einem Reise-Schaden; vielleicht muß sie wieder zur Reparatur nach Kopenhagen, heute werde ich von dem ersten hiesigen Mechaniker darüber Bescheid erhalten. -

Nietzsche an Heinrich Köselitz
Genova, 5. Februar 1882. Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe Band 6. S. 166.

Mit der Schreibmaschine ist noch nichts entschieden; ein äußerst geschickter Mechaniker hat jetzt eine Woche daran gearbeitet, sie herzustellen. Morgen soll sie "fertig" sein. Hoffen wir das Beste!

Nietzsche an Franziska & Elisabeth Nietzsche
Genua, 10. Februar 1881. Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe Band 6. S. 169.

Hurrah! Die Maschine ist eben in meine Wohnung eingezogen; sie arbeitet wieder vollkommen. - ich weiß noch nicht, was die Reparatur gekostet hat. Freund R[ée] hat es mir nicht sagen wollen.

Nietzsche an Elisabeth Nietzsche
Genua, 11. Februar 1882, Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe Band 6. S. 170.

Am 17. Februar 1882 ein erstes mit der Schreibmaschine geschriebenes Gedicht an Heinrich Köselitz in Venedig:


Friedrich Nietzsche: Schreibmaschinentexte. Hrsg.: Stephan Günzel und Rüdiger Schmidt-Grépály. Weimar 2002. S. 17.

Dieser Brief mein lieber Freund ist zugleich eine Fingerübung - Verzeih und nimm fuerlieb!

Nietzsche an Franz Overbeck
Genua, Anfang März 1882. Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe Band 6. S. 173.

Ein Bericht des Berliner Tagesblattes über meine Genueser Existenz hat mir Spaass gemacht - sogar die Schreibmaschine war nicht vergessen. Diese Maschine ist delicat wie ein kleiner Hund und macht viel Noth - und einige Unterhaltung. Nun müssen mir meine Freunde noch eine Vorlese-Maschine erfinden: sonst bliebe ich hinter mir selber zurück und kann mich nicht mehr genügend geistig ernähren. Oder vielmehr: ich brauche einen jungen Menschen in meiner Nähe, der intelligent und unterrichtet genug ist, um mit mir arbeiten zu können. Selbst eine zweijährige Ehe würde ich zu diesem Zwecke eingehen [...].

Nietzsche an Franz Overbeck
Genua, 17. März 1882. Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe Band 6. S. 180.

Daß da nicht jede(r) in Frage kommt, erstaunt weniger:
Frau Röder ist seit einem halben Monat fort, bene merita! Aber, unter uns, sie paßt mir nicht, ich wünsche keine Wiederholung. Alles, was ich ihr diktirt habe, ist ohne Werth, auch weinte sie öfter als mir lieb ist. Sie ist haltlos; die Frauen begreifen allesammt nicht, daß ein persönliches Malheur kein Argument ist, am wenigsten aber die Grundlage zu einer philosophischen Gesammtbetrachtung aller Dinge abgeben kann. Das Schlimmste aber ist: sie hat keine Manieren, und schaukelt mit den Beinen.

Nietzsche an Heinrich Köselitz. Sils-Maria, 23 Juli 1885. Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe Band 7. S. 70.

Sie wundern sich dass ich so spät schreibe - ich bin fast blind, und erst seitdem ich diese Schreibmaschine besitze kann ich wieder einen Brief beantworten d.h. seit drei Wochen.

Nietzsche an Elise Fincke
Genua, 20. März 1882. Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe Band 6. S. 182.

Leben Sie wohl! Die Schreib-maschine will nicht mehr, es ist gerade die Stelle des geflickten Bandes.

Nietzsche an Paul Rée
Genua, 21. März 1882. Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe Band 6. S. 186.

Das verfluchte Schreiben! Aber die Schreibmaschine ist seit meiner letzten Karte unbrauchbar, das Wetter ist nämlich trüb und wolkig, also feucht: da ist jedesmal der Farbenstreifen auch feucht und klebrig, so daß jeder Buchstabe hängen bleibt, und die Schrift gar nicht zu sehn ist. Überhaupt!!---

Nietzsche an Elisabeth Nietzsche
Genua, 27 März 1882. Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe Band 6. S. 188.

Was die Schreibmaschine betrifft, so hat sie ihren "Knacks" weg: wie Alles, was charakterschwache Menschen eine Zeitlang in den Händen haben, seien dies nun Maschinen oder Probleme oder Lou's. Aber mein hiesiger Arzt, ein Basler, der mich hier von einer Malariahaften influenza kurirt hat, macht sich ein Vergnügen daraus, sie bei sich zu haben und zu "kuriren"; und wirklich, er zeigte mir neulich einen Vers, den er mit ihr zuwege gebracht hatte und der anfieng:
"Schreibkugel ist ein Ding gleich mir von Eisen" -

Nietzsche an Elisabeth Nietzsche
Genova, 27. April 1883. Sämtliche Briefe. Kritische Studienausgabe Band 6. S. 369.